Chirurginnen e.V.: „weniger Macht- und Imponiergehabe“

„Gemeinsam einfach besser“ ist das Motto des frisch gegründeten Chirurginnen e.V. Innerhalb kürzester Zeit haben sich schon über 300 Mitstreiterinnen gefunden. femMit hat mit Katja Schlosser, Hanna Bedürftig und Elisa Eibner aus dem Vorstand gesprochen.

Wieso braucht es einen Chirurginnen-Verein? 

Katja Schlosser: Weil es noch immer viel zu wenig Frauen in der Chirurgie gibt. Auf der Ebene der Assistenzärztinnen und -ärzte ist das Verhältnis zwar nahezu ausgeglichen, aber ab der Fachärztinnen- und Facharztebene verlieren wir die Frauen. Sie wandern ab in andere Fachgebiete, steigen ganz aus der Medizin aus oder gehen in Elternzeit und kommen danach oft nicht zurück. Die Chirurgie hat keine guten Konzepte, wie sie die Frauen in dem Fachgebiet halten kann. Wir glauben, dass es leichter fällt, Durststrecken zu überwinden, wenn man Vorbilder auf einer höheren Ausbildungsebene sieht, die diese schon überstanden haben. Den Frauen fehlt es an gleichgeschlechtlichem Austausch, Zuspruch, Förderung und Unterstützung. Genau diese Lücke füllen wir mit unserem Verein „Die Chirurginnen e.V.“.

65 Prozent der Medizinabsolvierenden, aber lediglich 18 Prozent der in der Chirurgie Tätigen sind Frauen. Woran liegt das?

Elisa Eiber: Viele Studentinnen scheinen die Chirurgie von Anfang an auszuschließen. Fragt man genauer nach, werden oft Vorurteile genannt wie „körperlich zu anstrengend, nicht vereinbar mit Familie, ein Männerjob“. Trauen sich Studentinnen dann doch ein Praktikum in einem chirurgischen Fach zu machen, werden sie oftmals abgeschreckt vom rauen Umgangston oder projizieren den Workload großer Universitätskliniken auf alle Häuser.

Was muss sich ändern, damit es mehr Frauen werden?

Hanna Bedürftig: Noch immer gibt es in der Chirurgie viel zu wenige Frauen in Führungspositionen. Wir brauchen diese Vorbilder unbedingt, damit die jungen Kolleginnen sehen, dass es geht und sie sehr wohl hervorragende Chirurginnen werden können. Hierzu benötigen wir ein Netzwerk von Kolleginnen, die Unterstützung bieten und dafür sorgen, dass Frauen bei der Besetzung von Oberarzt- und Chefarztposten berücksichtigt werden. Außerdem benötigen wir kluge und flexible Arbeitszeitmodelle – diese aber nicht nur für die Frauen in der Chirurgie. Die junge Generation möchte nicht mehr bis zur Selbstaufgabe arbeiten und es ist ein längst überholter Mythos, dass man nur dadurch eine gute Chirurgin werden kann. Ich arbeite seit einigen Jahren mit 80% und habe einen Tag in der Woche frei. Dafür braucht man nur etwas Willen, dies umzusetzen und zu organisieren und das tut meiner Fähigkeit als Chirurgin keinen Abbruch. Auch ein Jobsharing in Führungspositionen sollte keine Ausnahme sein. Sich Verantwortung zu teilen und Stärken zu bündeln, liegt Frauen besonders, da sie mit ihren Kommunikationsfähigkeiten gemeinsam viel erreichen können. 

Katja Schlosser, Jahrgang 1972, hat in Marburg studiert, ist seit 2005 Fachärztin für Chirurgie, seit 2009 Fachärztin für Gefäßchirurgie und seit 2012 Fachärztin für Viszeralchirurgie und spezielle Viszeralchirurgie. Seit 2012 European Board Certified Endocrine Surgeon (EBSQ). Habilitation 2009, außerplanmäßige Professur in dem Fach Chirurgie des Universitätsklinikums Marburg 2013. Seit 2016 Chefärztin der Klinik für Allgemein-, Viszeral- Endokrine und Gefäßchirurgie des Agaplesion Evangelischen Krankenhaus Mittelhessen in Gießen.

„Im Durchschnitt werden nur 7,3 Prozent der leitenden Positionen in der Chirurgie durch Frauen besetzt. In der Herzchirurgie sind es gar nur 3 Prozent, in der Orthopädie und Unfallchirurgie nur 5,2 Prozent.“

Katja Schlosser

Wie sieht es in den Führungsetagen aus?

Katja Schlosser: Die Bundesärztekammer hat die Zahlen bis 12/2019 veröffentlicht. Im Durchschnitt werden nur 7,3 Prozent der leitenden Positionen in der Chirurgie durch Frauen besetzt. In der Herzchirurgie sind es gar nur 3 Prozent, in der Orthopädie und Unfallchirurgie nur 5,2 Prozent. Die Bundesärztekammer differenziert leider nicht zwischen Sektionsleiter:innen, leitenden Oberärzt:innen und Chefärzt:innen. Es ist davon auszugehen, dass die Prozentzahlen in der Chefärzt:innenposition noch geringer ausfallen. Frauen in Leitungsfunktionen sind in der Chirurgie noch immer eine Ausnahme. Das muss sich ändern.

Wenn die Frauen dann in der Chirurgie angekommen sind, was machen sie anders?

Elisa Eiber: Studien belegen, dass Männer eher als Frauen zu Selbstüberschätzung neigen. Meine Erfahrung im Alltag in der Klinik ist, dass Frauen oftmals umsichtiger und bedachter in der Festlegung von Diagnosen und Therapien sind. Sie können auch mal Zweifel und Kritik zulassen und es fällt ihnen leichter, zuzugeben, wenn etwas außerhalb ihres Kompetenzgebietes liegt. Es gibt hier weniger Macht- und Imponiergehabe, sondern eher patientenorientierte Zusammenarbeit.

Wer hat Sie gefördert?

Hanna Bedürftig: Gefördert hat mich vor allem mein ehemaliger Chef, mit dem ich sehr viele Jahre zusammengearbeitet habe. Fachlich und handwerklich habe ich ihm viel zu verdanken, auch mit meiner Art mit Patient:innen umzugehen. Er hat mir niemals das Gefühl gegeben, dass Frauen nicht Chirurginnen werden können. Im Gegenteil, er hat gesehen, dass diese für die Weiterentwicklung und das Fortbestehen der Chirurgie wichtig sind und hat entsprechend auch flexible Arbeitszeitmodelle ermöglicht. Zum Glück gibt es auch diese Chefärzte in der Chirurgie. 

Welche Erfahrungen haben Sie in Ihrer Laufbahn gemacht, dass Sie heute sagen: Es braucht mehr Frauen in der Chirurgie? 

Hanna Bedürftig: Ich habe in vielen Kliniken Frauen gesehen, die sehr viel arbeiten und sich einsetzen und die dennoch immer wieder von männlichen Kollegen überholt wurden, wenn es um die Vergabe von Führungspositionen ging. Das muss sich ändern. Die Chirurgie ist so ein schönes Fach in der Medizin mit einer tollen Mischung aus Handwerk und Patient:innenkontakt. Jede, die Freude an beidem hat, ist super geeignet, Chirurgin zu werden und sollte sich von der althergebrachten Vorstellung, dass ein Chirurg ein Mann sein muss, nicht beeindrucken lassen.

Elisa Eiber: Wenn Ober- und Chefärzte nicht nach aktuellen Standards behandeln, sondern so wie sie es gelernt haben, sich weigern, neue Erkenntnisse zuzulassen und Patienten unwissentlich dadurch vermeidbare Komplikationen erleiden, denke ich oft: mit einer Frau wäre das vielleicht nicht passiert.

Hanna Bedürftig, Jahrgang 1969, hat in Hamburg studiert, ist seit 2004 Fachärztin für Chirurgie und seit 2009 Fachärztin für Gefäßchirurgie und seit 2017 endovaskuläre Chirurgin. Die letzten 20 Jahre lebte sie am Bodensee und arbeitet seit 2015 als leitende Oberärztin in der Gefäßchirurgie, seit 2020 wieder in Norddeutschland in Buchholz in der Nordheide. 

„Wenn gestandene Kolleginnen in der Besprechung vom Chef mit „Mäuschen“ angesprochen werden oder gefragt werden, ob sie den Vibrationsalarm am Diensttelefon gerne haben, dann macht mich das wütend und sprachlos zugleich.“

Hanna Bedürftig

Oftmals hört man auch von Sexismus in der Chirurgie, können Sie das bestätigen?

Hanna Bedürftig: Ja, das ist leider auch weiterhin Alltag in vielen Kliniken. Auf unserer Online-Plattform haben wir einen Bereich, in dem wir uns gerade zu diesem Thema austauschen und man macht sich keine Vorstellungen, welche Sprüche sich die Frauen noch immer anhören müssen. Wenn gestandene Kolleginnen in der Besprechung vom Chef mit „Mäuschen“ angesprochen werden oder gefragt werden, ob sie den Vibrationsalarm am Diensttelefon gerne haben, dann macht mich das wütend und sprachlos zugleich. Und das sind noch die „leichten“ Fälle. Sich darüber auszutauschen hilft, sich nicht alleine zu fühlen und sich so etwas in Zukunft nicht mehr gefallen zu lassen. 

Haben Sie konkrete Ziele mit dem Verein?

Katja Schlosser: Wir wollen Frauen, die in chirurgischen Fachgebieten arbeiten (Chirurginnen, Urologinnen, Gynäkologinnen usw.) eine Plattform bieten, auf der sie sich austauschen und sich gegenseitig unterstützen können. Dabei besteht unser Hauptziel nicht nur darin, diese Frauen zu unterstützen, dass sie Beruf und Familie besser koordinieren können. Es geht uns darum, diese Chirurginnen sichtbarer zu machen, ihnen den Rücken zu stärken, sie durch unser Mentoring-Programm in die nächste Karrierestufe zu begleiten und Synergien zu schaffen, durch die z.B. wissenschaftliches Arbeiten ganz anders gelingen kann, als wenn jede für sich alleine kämpfen muss. 

Elisa Eiber, Jahrgang 1989, hat ihr Studium 2015 abgeschlossen und bis 2019 im evangelischen Krankenhaus Agaplesion Mittelhessen in Gießen als Weiterbildungsassistentin Orthopädie und Unfallchirurgie gearbeitet. Seit 2019 ist sie in Elternzeit mit ihrem ersten Kind und erwartet ihr zweites Kind.

„Unter den Frauen in unserem Verein finden sich viele Role Models und Inspirationen für jeden Weg.“

Elisa Eiber

Wieso ist der Verein gerade für junge Frauen in der Chirurgie von Bedeutung?

Elisa Eiber: Junge Frauen brauchen Bestärkung, um sich für die Chirurgie zu entscheiden. Wenn sie angekommen sind, dann sind sie nicht selten alleine unter Männern und müssen einen Spagat schaffen: sich behaupten, für das eigene Können einstehen, Ausbildung fordern, aber sich selbst dabei treu bleiben. Sich mit anderen Frauen auszutauschen, die sich auf derselben Ausbildungsstufe befinden, oder die schon einen Schritt weiter sind, ist wahnsinnig wichtig. Unter den Frauen in unserem Verein finden sich viele Role Models und Inspirationen für jeden Weg. Dank unserer lebendigen Vereinskultur kann man unkompliziert mit jeder Chirurgin in Kontakt treten.

Wie ist die Resonanz bisher?

Hanna Bedürftig: Die Resonanz ist großartig. Wir haben in der kurzen Zeit, in der es den Verein gibt, sehr viele Kolleginnen hinzugewonnen und es kommen täglich neue dazu. Begeisternd ist der Austausch in unserer Online-Plattform, wo sich die Kolleginnen sehr rege zu den verschiedensten Themen austauschen. Da werden nicht nur fachliche Fragen diskutiert, sondern auch Berufspolitisches oder Themen wie das Gendern oder Literaturtipps weitergegeben. Besonders ist dabei die Bereitschaft der gesamten Gemeinschaft sich gegenseitig zu unterstützen. Da bekommt z.B. eine Kollegin aus Baden-Württemberg innerhalb kurzer Zeit zu einem schwierigen Fall eine Antwort einer Tumororthopädin aus Berlin. Jeden Tag bekomme ich Rückmeldungen, wie toll dieses Netzwerk funktioniert und dass sich die Kolleginnen nicht mehr vorstellen können, ohne dieses Netzwerk zu sein. 

Lassen Sie uns träumen: Chirurgie in 10 Jahren bedeutet für Sie…

Hanna Bedürftig: dass deutlich mehr Frauen Chefärztinnen und Oberärztinnen sind und dies in den Kliniken und in der Gesellschaft selbstverständlich ist. 

Katja Schlosser: Dass es egal ist, ob eine Frau oder ein Mann das Skalpell führt.

Elisa Eiber: Jede Studentin überlegt sich was sie werden will und nicht ob das Fach eine Familiengründung erlaubt.

Mehr Infos zum Chirurginnen e.V. unter: https://chirurginnen.com

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