Ich habe eine Körperbehinderung doch sie hat mich nicht!

von Claudia Gersdorf

Niemals selbständig lebensfähig und immer auf Assistenz angewiesen – oder eine große Palette an Chancen, um in meine Potentiale und Talente bestmöglich zu investieren und diese zu fördern. Eine Belastung für Familie, Schule, Freunde, die Gesellschaft – oder Inspirationsquelle für eine bessere Welt, reich an Perspektiven und mit der Kapazität zur Transformation. Unklar, was aus mir wird und welche Möglichkeiten für mich überhaupt in Frage kommen – oder ich werde durch Intelligenz, Charme und mein Lächeln das Leben zum Besten aller Wesen meistern. Zwei Perspektiven, die zwei unterschiedliche Biographien beschreiben. Meine Familie hat sich für die zweite, die positive Perspektive entschieden – meine Biographie ist allein dadurch schon jetzt eine pure Erfolgsgeschichte.

Mit zwei Jahren stellte ein Kinderarzt die Diagnose „Infantile Cerebralparese mit Ataxie und Tremor“, umgangssprachlich bekannt als Spastik. Das heißt, mein Körper ist nach Sauerstoffmangel bei meiner Geburt gekennzeichnet durch Verkürzungen der Sehnen, Lähmungen, Zittern, Gleichgewichtsstörungen, Muskelschwäche – das für die Motorik verantwortliche Kleinhirn verliert bei Sauerstoffmangel Zelle um Zelle.

Ja, ich habe eine Körperbehinderung – doch die Körperbehinderung hat mich nicht!

„Eines Tages seht ihr mich in der Tagesschau, auf Plakaten und könnt mich an der Sorbonne in Paris von hinten anschauen …!“ So oder ähnlich antwortete ich auf zahlreiche Mobbingattaken, auf psychische und physische Gewalt meiner Mitschüler am Gymnasium. Ja, sie haben mich verprügelt, als Krüppel beschimpft, doch ich bin daran gewachsen und habe mich in allem stetig verbessert.

Immer über Grenzen hinweg

Als ich studierte, war mein erster Gang zum zuständigen Professor, um zu erfahren, wo ich mich zum Studium an der Pariser Sorbonne anmelden kann. Nach dem Studium direkt zu Ärzte ohne Grenzen und später zu Oxfam in Berlin. Regelmäßig widersetzte ich mich den vorgegebenen Grenzen und Stoppschildern meiner Vorgesetzten und überschritt – wie sie sagten – meinen Kompetenzbereich. Ich wollte Pressesprecherin werden, und nicht Assistentin bleiben. Doch niemand schien mir das zu jener Zeit so recht zuzutrauen bzw. wollte das. Ein CEO behauptete sogar, dieser Beruf passe gar nicht zu mir, zu meinem Zittern, meiner Körperbehinderung, beziehungsweise ich mit meiner Behinderung passe nicht ins Berufsbild. Ich solle doch froh sein, nicht an einer Behindertenwerkstatt arbeiten zu müssen, was schließlich ebenso eine Option für mich wäre. 

All das motivierte mich, nochmals zu studieren, berufsbegleitend „Kommunikationsmanagement“ an der Deutschen Presseakademie Berlin. Nachdem ich längst bereits einen deutschen und französischen Uniabschluss in der Tasche hatte. Ich kämpfte weiter, für meinen Traum. Bis zu dem Tag, als mich Benny Adrion, Initiator von Viva con Agua, anrief: Er habe durch Moderatorin und Journalistin Janin Ullmann von mir und meiner Arbeit für Haiti erfahren. „Du musst Claudia kennenlernen!“, hatte ihm Janin gesagt.

Claudia und Benny Adrion, Initiator von Viva con Agua
Claudia und Benny Adrion, Initiator von Viva con Agua,  Foto: Yunus Hutterer 

Gesagt getan. Schon beim ersten Kennenlernen sprachen wir über die Vision, Viva con Agua zu internationalisieren und sogenannte Entwicklungszusammenarbeit auf Augenhöhe und positiv zu implementieren. Ich hörte Benny gespannt zu und er hörte mir zu. Ich erzählte von meinen Erfahrungen in der internationalen Zusammenarbeit mit NGOs und meinem Ziel, der Öffentlichkeit ein differenziertes und realitätsnahes, ein positives Bild der Länder zu vermitteln, in denen der Zugang zu sauberem Wasser und Sanitärversorgung eine Herausforderung darstellt. Die Geschichten in Presse und Film zu erzählen, die den geschäftstüchtigen Start-up-Gründer in Kampala zeigt oder die erfolgreiche Unternehmerin in Nairobi. Allen gemeinsam: Die sogenannte „neue Generation“ in den afrikanischen Ländern – jung, hoch gebildet und ausgebildet, motiviert, selbstbewusst, stilsicher, swag. 

»Natürlich wirst du unsere Pressesprecherin. Warum auch nicht! Deine Behinderung interessiert mich nicht.«

Benny Adrion, Initiator von Viva con Agua

Jemand, der an meine Talente glaubte

Als ich vor nunmehr fünf Jahren zu Viva con Agua gekommen bin, war mein jetziger Boss Benjamin Adrion der erste Mensch neben meinem Vater, der an meine Talente und Kompetenzen glaubte und mein Wissen wertschätzte.

Ich wollte immer höher, weiter, besser, schneller und endlich war eine Person in mein Berufsleben getreten, die nicht die künstliche Handbremse zog, sondern mich bestärkt in meinem Wirken, mich meine Fähigkeiten einbringen lässt. Mit Bennys Worten: „Natürlich wirst du unsere Pressesprecherin. Warum auch nicht?! Deine Behinderung interessiert mich nicht!“

Am 10. Mai 2019, meinem letzten Arbeitstag vor dem Mutterschutz, brachte ich mein erstes Kind zur Welt. Gesund, stark, wunderschön. Selbstredend habe ich bis zuletzt voll gearbeitet. Die Schwangerschaft, Geburt und Elternzeit haben mich abermals gestärkt, weiterentwickelt, neue Perspektiven eröffnet. Mir bisher unbekannte Ruhe, Balance, Ausgeglichenheit, Klarheit, Sicherheit erfüllen mich. Ich bin noch einfallsreicher, empathischer, cleverer, humorvoller als zuvor. Und belastbar, trainiert, gesund wie nie zuvor – mein Immunsystem ist ein Bollwerk.

Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass jede „frisch gebackene“ Mutter an erster Stelle befördert werden sollte. Anstatt über Teilzeitmodelle in Verbindung mit Degradierung zu sprechen oder überhaupt nur ansatzweise darüber nachzudenken. In meinen Augen absolut unangemessen und unangebracht. 

Ein Diamant an Potential

Perspektivwechsel: Meine Mutter ist Physiotherapeutin und meine Familie sind Erbauer, Ermöglicher, Ingenieure. Frauen genauso wie Männer – beide konstruieren ihr Leben lang, bis heute. Ich fühle mich sehr wohl umgeben von meiner Family. Ab dem Altern von zwei Jahren und der Diagnose war ich ihr neues Projekt. Ein Hilfsprojekt? Ein Entwicklungsprojekt? Nicht alleine – vielmehr ein Schatz, ein Diamant an Potenzialen, die sie lediglich zum Fliegen bringen mussten. Sie sind meine Potenzialentfalter von Anbeginn!

Ein Credo meiner Familie und meiner Erziehung: Was du zunächst augenscheinlich nicht mit dem Körper kannst, gleichst du mit deinem Wissen, deinem Großhirn aus. Ja, mein Großhirn war und ist darauf ausgelegt, enorme Daten- und Funktionsmengen zu erlernen und perfekt zu beherrschen. Im Funktionieren und Aufnehmen bin ich Meisterin. Ich bin schnell. Immerhin muss ich schneller und besser sein als ein augenscheinlich „gesunder Mensch“, denke ich. Ich will Teil des großen Ganzen sein. Inzwischen spreche ich fünf Fremdsprachen, habe drei Studienabschlüsse in Frankreich und Deutschland absolviert und arbeite seit mehr als einem Jahrzehnt für Menschenrechte im weltweiten Einsatz. Zunächst bei Ärzte ohne Grenzen, später für Oxfam und PEN PAPER PEACE / Schulen für Haiti, bis zu meinem großen Ziel Pressesprecherin und Chief Communications Officer bei Viva con Agua seit 2014.

Den größten Einfluss auf meine Entwicklung hatten wohl die feste Überzeugung, der Mut und die Kampfeslust meiner Großmutter und Mutter. Immer unterstützt durch die starken und demütigen, schlauen und beschützenden Männer in der Familie. Von außen auferlegte Grenzen nahm meine Familie kurz wahr, überlegte nicht lange und transformierte sie in Möglichkeiten und Chancen zugunsten meiner Entwicklung. Sie sind Macher und ich bin eine Macherin! Natürlich waren auch finanzielle Investitionen und entsprechende „Fundraising-Kreativität“ gefragt. Inklusion? Noch nicht in den 1980er und 1990er Jahren. Eigeninitiative, Biss, Durchhaltevermögen und Improvisation waren wichtig – ebenso wie private Investitionen in heilende Physiotherapiebehandlungen, Reitunterricht, Skifahren, Schwimmen, Rehas, ein Privatgymnasium (wegen der geringen Klassenstärke und der Fremdsprachenausrichtung).

Der Nährboden für meine Entwicklung war somit bereite – und das mit oder vielmehr dank meiner Körperbehinderung.

Seitdem ich meine erste Demonstration mit acht Jahren angezettelt und auch meine erste Rede auf großer Bühne gehalten, später am Gymnasium mehrere Initiativen und Arbeitsgruppen für Gleichberechtigung, Gerechtigkeit und Weltoffenheit gegründet, und an der Uni zwei Vereine für Toleranz und gegen Fremdenfeindlichkeit mitgegründet hatte, war klar: Ich werde Menschenrechlterin.

Neben meiner Liebe zu fremden Kulturen, Sprachen, Ländern, zur Welt möchte ich die Welt aktiv, positiv mitgestalten und verändern.

Inzwischen habe ich meinen Platz in der NGO-Welt, der Welt der Aktivist:innen und „Gutmenschen“ gefunden. Ja, wir glauben an eine bessere Welt, eine Welt voller Potenziale, Wachstum, Fortschritt für alle. Das alles dank „mildtätiger“ Investitionen. Ich sage hier bewusst Investitionen, denn ich glaube daran, dass das klassische und meines Erachtens veraltete Prinzip der Spende ausgetauscht werden wird durch das Prinzip der Investition. Denn es geht längst nicht mehr um „Geben und Nehmen“. Die Geberkultur à la „die reiche Weißnase gibt dem armen Bedürftigen und zeigt ihm womöglich noch den Lauf der Dinge“ – nein! Es geht um die Investition in Lebensperspektiven, in Bildung, Arbeit, Wasser, Nahrung, Gesundheit. In die Grund- und Menschenrechte aller weltweit. Es geht um Selbstverständlichkeiten. Ich frage: Wer hat nach der Wiedervereinigung Deutschlands für die Neuen Bundesländer gespendet? Ich nicht, ich habe investiert!

Bewusst positive Bilder

Ein weiterer Fakt: Laut wissenschaftlicher Untersuchungen spenden die Menschen in Deutschland, wenn wir in ihnen Mitleid erregen. Sehen wir ein Plakat mit einem traurigen, armen schwarzen Kind im Dreck vor einer leeren Schale mit dem Aufruf: „Es reicht! … Für alle“, schnellen die Spendensummen in die Höhe. Sehen wir ein Plakat mit fröhlichen, lächelnden Kindern, gut genährt und gekleidet vor einer gefüllten Schüssel Reis und einigen Reiskörnern neben einem zufriedenen Lächeln im Gesicht, entstehen – laut wissenschaftlichen Analysen – Neid und Missgunst, die Menschen spenden nicht.

Und dennoch arbeiten wir bei Viva con Agua ausschließlich mit positiver Bild-, Wort- und Bewegtbildsprache. Wir sind der Überzeugung, dass wir so neben der Spendenakquise die Gesellschaft zum Umdenken bewegen und die Gesellschaft Teil der Bewegung wird.

»Die Idee kann so unglaublich groß, mächtig und voller Veränderungspotenzial sein. Zentral bleiben unser Wille und unsere Handlungen.«

Claudia Gersdorf

Alles hat mindestens zwei Perspektiven!

Ich habe gelernt: Es geht nicht um Kampf, um Verbitterung, Leid, Mitleid, Hilfe und so weiter. Vielmehr stehen im Zentrum: Veränderung, die Freude bereitet, Potenziale freisetzt, Entwicklung fördert und Verbindungen schafft, die Offenheit für Perspektivenvielfalt sowie der Wille, umzudenken, anders zu handeln, Neues auszuprobieren, Verrücktheiten zuzulassen, Freiräume im Denken und Handeln zu schaffen. Ich habe gelernt: Die Idee ist ein Prozent – der Rest ist Prozess und Wille.

Die Idee kann so unglaublich groß, mächtig und voller Veränderungspotenzial sein. Zentral bleiben unser Wille und unsere Handlungen. Und Kommunikation steckt für mich in beidem, ist Ausdruck, ist Dreh- und Angelpunkt.

Als Jugendliche und auch noch als junge Berufstätige verteufelte ich den Arzt, der damals bei meiner Geburt nicht anwesend war, so dass ich 30 Minuten Sauerstoffmangel hatte. Inzwischen bin ich dankbar und glücklich, dass er mich nach seiner Rückkehr ins Krankenhaus – es war der Weihnachtsabend am 24./25.12. – gerettet hat und mir mittels Adrenalinspritze wieder das Leben in meine Adern gerammt hat.

So ist das auch mit sogenannten Problemstellungen und Herausforderungen im Leben, zumindest meines Erachtens nach. Alles hat immer zwei oder mehr Perspektiven.

Hinweis: Der Text erschien erstmals im femMit-Magazin 1/2020.

Foto: Tobias Ritz

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