Jeder kleine Schritt zählt

Beim Thema Nachhaltigkeit geht es darum, heute so zu leben, dass zukünftige ­Generationen in ihren Möglichkeiten nicht ­eingeschränkt werden. Doch was bringen diese Maßnahmen, und vor allem: Kann sich das jeder leisten?

von Johanna Lübeck

Das Geschäft mit der Nachhaltigkeit boomt. In jeder Branche finden sich Produkte und Angebote mit dem Versprechen, die Umwelt zu schonen und den CO₂-Fußabdruck zu minimieren. An dieser Stelle fällt der Faktor Geld ins Auge. Nachhaltige Produkte sind zum Teil wesentlich teurer als reguläre Artikel, und wer das Geld nicht hat, soll eben möglichst viel selbst machen: Die Müsliriegel für die Kinder, den gekauften Pullover durch einen selbst gestrickten ersetzen, in der eigenen Backstube tätig werden, anstatt eingeschweißte Brote zu kaufen – die Möglichkeiten scheinen unbegrenzt. Hier fällt aber auf: Dort, wo es an finanziellen Mitteln mangelt, braucht es Zeit.

Große Firmen und Teile der Gesellschaft spielen dabei mit dem Gewissen der Endverbraucher:innen. Der Druck, das eigene Leben nachhaltig zu gestalten, wächst. Doch liegt es am Ende wirklich in den Händen von uns Einzelpersonen, die Klimakatastrophe abzuwenden?

Im Wandel

Alles wird teurer, die Inflationsrate steigt. Für viele Haushalte bedeutet das große Veränderungen, und Nachhaltigkeit rückt bei einigen mehr in den Hintergrund. Dort, wo früher regional und bio gekauft wurde, muss heute wieder vermehrt importiert und abgepackt gekauft werden. Katharina K., alleinerziehende Mutter von zwei Kindern, erzählt: „Geld spielt grundsätzlich eine Rolle. Ich versuche es da, wo ich kann. Ich hätte zum Beispiel nie eine Plastiktüte einfach weggeworfen, die wurden immer zumindest noch als Mülltüte oder so gebraucht. Für mich wäre es schwieriger, mit dem Geld noch nachhaltiger zu sein, aber ich versuch’s trotzdem an der ein oder anderen Stelle, immer im Kleinen, wenigstens da, wo man kann.“ 

In Städten mangelt es häufig an Märkten und Bauern, die ihre eigenen Produkte anbieten. In Dörfern und auf dem Land fehlt häufig die Infrastruktur, selbst für kleine Einkäufe müssen die Leute mit dem Auto losfahren.

Besonders die soziale Mittel- und Unterschicht bekommt die Auswirkungen zu spüren. Menschen sind gezwungen, Abstriche zu machen und mehr zu arbeiten, um ihren Lebensstandard halten zu können. Was zum nächsten Problem führt: der Zeitfaktor. Wer mehr Zeit auf der Arbeit verbringt, hat weniger Zeit für andere Dinge, wie das Einkaufen auf dem Wochenmarkt, wo es durchaus regionale Produkte zu fairen Preisen gibt. Auch das Selbermachen von Speisen oder die Herstellung von Kinderspielzeug wie Knete erfordert zeitliche Ressourcen, die viele nicht erübrigen können. Sebastian G., zweifacher Vater, ergänzt: „Bei uns ist ein großes Thema die Mobilität. Dadurch, dass wir zwei Autos haben, sind wir da wenig nachhaltig und es ist auch ein Privileg, zwei Autos zu haben. Das hat damit zu tun, dass wir beide in Vollzeit arbeiten gehen und uns das leisten können. Früher, als wir noch keine Kinder hatten, bin ich mit der Bahn zur Arbeit gependelt. Da kommt der Faktor Zeit ins Spiel. Früher war es nicht ganz so wichtig, pünktlich zu Hause zu sein. Dadurch, dass die Bahn unzuverlässig ist und das dann nicht mit unseren Interessen als Familie harmoniert, ist es für mich im Moment nicht möglich, mit der Bahn zu fahren und da besonders nachhaltig zu sein.“ 

Hinzu kommt der Lebensraum: In Städten mangelt es häufig an Märkten und Bauern, die ihre eigenen Produkte anbieten. In Dörfern und auf dem Land fehlt häufig die Infrastruktur, selbst für kleine Einkäufe müssen die Leute mit dem Auto losfahren. Katharina sagt: „Mit dem Zeitdruck, in dem wir leben, mit den vielen Terminen der Kinder und der Arbeit ist das nicht so einfach.“ Sie lebt in einer ländlichen Gegend und gibt ihr Bestes. „Ich versuche zum Beispiel, möglichst viel mit dem Fahrrad zu fahren, solange das termintechnisch möglich ist. Das Wetter ist mir dabei egal.“

Es braucht politische Entscheidungen

Jeder Mensch, der sich um Nachhaltigkeit im Alltag bemüht, leistet seinen Beitrag für eine bessere Umwelt. Sebastian findet: „Grundsätzlich kann man in jeder Lebensphase und in jeder finanziellen Situation und auch mit ganz wenig Zeit nachhaltig sein.“ In einem größeren Zusammenhang betrachtet, reicht das aber nicht aus. Für wirksame, langfristige Veränderungen braucht es politische Entscheidungen – für 83 Prozent der CO₂-Emissionen, um genau zu sein.

Studien belegen, dass der große Einfluss auf die Umweltkatastrophe durch Privathaushalte ausbleibt. 

Und auch, wenn die Wirkung von privaten Nachhaltigkeitsmaßnahmen gering ist, so gibt es dennoch eine positive Wirkung. Jeder Mensch kann in seinem Rahmen etwas tun, unabhängig von Sozialstatus und Zeit.

Sollen wir uns deswegen nun weniger um Nachhaltigkeit bemühen? Auf keinen Fall! Dieselbe Studie belegt nämlich auch, dass Engagement sich auszahlt. So sorgt umweltpolitisches Handeln in Gruppen, wie das Unterzeichnen von Petitionen oder die Mitgliedschaft in Umweltgruppen, für systemische Veränderungen. Und auch, wenn die Wirkung von privaten Nachhaltigkeitsmaßnahmen gering ist, so gibt es dennoch eine positive Wirkung. Jeder Mensch kann in seinem Rahmen etwas tun, unabhängig von Sozialstatus und Zeit.

Der ökologische Handabdruck

Der ökologische Fußabdruck ist wohl den meisten bekannt. Vom ökologischen Handabdruck hörte ich zum ersten Mal durch die freie Journalistin Veronika Rivera, die sich intensiv mit der Klimakrise und Elternschaft in diesem Zusammenhang beschäftigt. Während der ökologische Fußabdruck auf die Nachhaltigkeit des Individuums abzielt, geht es bei Handabdruck-Aktionen darum, strukturelle Veränderungen und somit Nachhaltigkeit für alle voranzutreiben. Hier bietet sich also eine Möglichkeit für alle, aktiv zu werden. Denn beispielsweise eine Petition zu unterschreiben kostet kein Geld und nur wenig Zeit.

Fazit

Nachhaltig zu leben erfordert in vielen Bereichen Geld und in jedem Fall auch etwas Zeit. Es kommt am Ende auf die Fragen an: Was kann und will ich leisten? Was ist sinnvoll und was nicht? Was, von all den Maßnahmen, ist auch für die Gesellschaft von Wert? 

Die Beantwortung dieser Fragen obliegt zum Großteil dem Individuum, zusammenfassend lässt sich aber sagen, dass jede:r, der:die sich für Nachhaltigkeit einsetzt, einen wertvollen Beitrag leistet. Wichtig ist jedoch, dass die große Wende der Klimakatastrophe nicht von Einzelpersonen bewirkt werden kann, sondern dass es dazu Veränderungen im globalen System braucht. —

Hinweis: Dieser Text erschien in femMit Ausgabe 6.

Foto: AdobeStock/borislav15

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