Meine Reaktion ist Wut

Sie erhält seit Jahren Morddrohungen an ihre ­private Handynummer, unterschrieben mit „SS Obersturm­bannführer“ und „NSU 2.0“. Die Nummer haben die ­Absender offenkundig über eine illegale Datenabfrage an einem hessischen Polizei-Computer bekommen. Doch die Drohungen bringen Comedienne und Schauspielerin Idil Baydar nicht zum Schweigen – im Gegenteil. 

Ein wütendes Protokoll.

Vor ungefähr zwei Jahren habe ich das erste Mal auf meine Handynummer Nachrichten über die Plattform „5vor12“ bekommen, unterschrieben mit „SS Obersturmbannführer“. Inhalt: Man wolle mich und meine Mutter töten. Ich habe alle acht SMS angezeigt. Das Verfahren wurde achtmal wieder eingestellt. Dann kam im Juli 2020 durch die Recherche eines Journalisten raus, dass auch meine Daten von einem Polizeicomputer in Wiesbaden widerrechtlich abgerufen worden sind und man bis jetzt noch nicht weiß, was mit diesen Daten passiert ist. Dass man aber stark davon ausgeht, dass diese Daten weitergegeben worden sind an rechte Netzwerke. 

Seit dem Tag, als das öffentlich wurde, bekam ich dann auch an meine private E-Mail-Adresse Nachrichten mit „SS-Obersturmbannführer“, „Heil Hitler“ und „NSU 2.0“. Das geht nun eigentlich die ganze Zeit so. Gestern kam wieder eine. Da scheint wohl irgendein Netzwerk dahinter zu sein.

Bei der ersten dachte ich noch: Was ist das für ein Schwachsinn? Was mich aber alarmiert hat, war, dass die Nachricht an meine private Handynummer geschickt wurde. Ich bin es ja gewohnt, im Netz beschimpft zu werden mit: „Tötet sie!“. Oder dass man will, dass ich ausgewiesen werde. Aber dass meine privaten Kanäle, die nicht öffentlich sind, benutzt werden, heißt, da muss ja jemand meine Daten haben.

„Angst würde mich lähmen“

Meine Reaktion auf sowas ist eher Wut. Ich bin jemand, der auf Angst sehr mit Wut reagiert, weil mich Wut einfach handlungsfähig hält und Angst mich lähmen würde. Also gibt es bei mir einen natürlichen Schalter, der sofort auf den Wutmodus umlegt. Das war bei mir als Kind schon so. Wenn du mich bedroht hast, dann gute Nacht! Weil ich dann anfange, die Bedrohung zu zerstören. 

Aber bitte nicht missverstehen: Wut kann gesunde oder ungesunde Formen annehmen! Es geht mir nicht darum, mit meiner Wut Länder oder Menschen zu zerstören. Sondern es gibt einen angemessenen Ausdruck, und der ist wichtig.

Und so reagiere ich. Ich werde richtig pissig.

Das ist in so einem Fall natürlich etwas schwieriger als in einer Schulklasse. Angst und Irritation spielen immer eine Rolle. Die Frage ist eben: Bleibe ich in der Angst oder schalte ich auf Wut um? Das hab ich in dem Fall gemacht: Ich werde zum Aggressor. Jetzt, als das mit der Polizei herausgekommen ist, habe ich wirklich mit jedem journalistischen Medium gesprochen, um einfach zu zeigen: „Digga, du nervst mich! Du wirst die Zeitung aufmachen und mein Gesicht sehen, du wirst den Fernseher anmachen und mein Gesicht sehen und das Radio anmachen und mich hören. Nur damit du weißt, ich kann auch zurücknerven!“

Ich habe auch Medien aus dem Ausland Interviews gegeben, der Washington Post, Fox News, Medien aus Schweden und Holland. Ganz einfach, weil ich mir das nicht gefallen lasse – so einfach ist die Sache. Auch, damit hier mal Druck aufgebaut wird, auch auf unsere Regierenden, und hier nicht permanent so getan wird, als wären das kleine Einzeltäter-Nazis! Es reicht langsam! 

„Meine Polizei ist das nicht“

Was ich nicht verstehe: Wessen Polizei das ist. Meine Polizei ist das nicht. Das interessiert die nicht. Die haben gleich gefragt, ob ich meine Telefonnummer rausgegeben habe? Mensch, die haben dafür zu sorgen, dass die Bedrohung aufhört und nicht zu überlegen, ob ich vielleicht selbst schuld bin. Das ist ja wie wenn du einer Frau sagst, zieh keinen Minirock an, dann wirst du nicht vergewaltigt! Ich finde das so lächerlich, dass die Schuld zuerst bei der Betroffenen gesucht wird. Und ich bin ganz froh, dass viele Menschen das sehen, dass das es unfassbar ist und dass sich diese Polizei die eigene Glaubwürdigkeit unterminiert.

Ich lese die ganzen Kommentare auf Facebook und so schon noch. Es ist interessant für meine Arbeit, um auch zu verstehen und wiedergeben zu können, auf welcher Basis diese Art der Argumentation läuft. „Migranten sind alle verdächtiger als alle anderen“ – ich meine, woher kommt denn so ein Gedanke? Wie kommt man denn darauf, zu meinen, man sei als Deutscher nicht kriminell oder man hätte keine Kriminellen oder die, die man hat, seien nicht so schlimm und diese kleine Migrantengruppe sei schlimmer? Wie verblendet musst du denn sein, dass du das nicht mehr wahrnimmst, dass man dich so richtig schön bescheißt? So mit Cum-Ex-Skandalen, da kommt kein Polizist und nimmt jemanden fest? Da wird das so runtergespielt. Das sind die Dinge, die hier wirklich ein massives Problem darstellen.

»Nehmt Eure Angst wahr, liebt sie! Aber die -Mütze hat hier der -Drachen auf.«

„Teilt Euch mit!“ 

Anderen Betroffenen rate ich: Teilt euch mit! Macht das nicht mit euch alleine aus! Habt keine Angst! Am Ende des Tages wird passieren, was passieren soll. Ich glaube wir müssen zurückkehren zu einer Art Urvertrauen, dass das, was wir machen, eine wichtige und richtige Sache ist. Werdet wütend, lasst Euch nicht in die Angst treiben! Nehmt Eure Angst wahr, liebt sie! Aber die Mütze hat hier der Drachen auf. Das ist ganz wichtig – sei ein Drache! Wenn wir noch mehr Angst erzeugen, weil wir in der Angst bleiben, kommt nur noch mehr Angst. 

Auf der anderen Seite bekomme ich aber auch wahnsinnig viel Solidarität, aus Ecken, aus denen ich das nie vermutet hätte. Auch das ist wiederum ein Teil davon, den man wahrnehmen muss.

Was mir hilft, wenn ich so wütend bin? Die Wut einfach raus lassen. Sie zu lieben. Denn wenn Liebe dabei ist, findet Wut auch ihren angemessenen Ausdruck. Deswegen hab ich mit meinem Auftritt bei Maybrit Illner schon eine neue Ära eingeläutet. Weil mir scheißegal war, wie ich wirke! Mir ist völlig egal, was die Leute hinterher sagen. Ich lasse mir nicht den Mund verbieten und ich lasse mir nicht meine Gefühle verbieten! Wenn man sich nicht mehr emotional äußern darf, was ist denn da? Man kann nicht alles versachlichen! Emotional geführte Diskurse kannst du nicht versachlichen. Und den Versuch zu machen, ist lächerlich.

Ich kann nur sagen: Alter, nehmt euch ein Beispiel an meinem Verhalten! Seid ruhig wütend. Drückt es aus und macht euch nicht abhängig von dem Blick der anderen!

Idil Baydar wuchs in Celle auf, besuchte eine Waldorfschule und arbeitete als Sozialarbeiterin mit Kindern. Als Kabarettistin verarbeitet sie in ihren Bühnenprogrammen die Erfahrungen mit Jugendlichen.

Hinweis: Dieser Text erschien erstmals im femMit-Magazin 1/2020

Foto: © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)

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