Wir sollten über den Workload reden

Corona verändert die Arbeitswelt fundamental, sagt die Zukunftsforscherin Aileen Moeck im Interview mit femMit. Viele Menschen gehen verstärkt auf Sinnsuche und wünschen sich andere Arbeitszeitmodelle. Unternehmen, die auf Nachhaltigkeit, Ganzheitlichkeit und Systemdenken setzen, sind im Vorteil. 

In welchen Bereichen verändert Corona die Arbeitswelt? 

Das ist zum einen die ganze Homeoffice-Debatte: Viele Menschen merken, dass sie überwältigt sind von diesem ganzen Digitalen. Es fehlt die Resonanz. Und die Arbeit mit Menschen. So dass sich vielleicht zukünftige Berufsgruppen wieder dahin orientieren, eben nicht alles rein digital zu machen. Bei den Debatten um Digitalisierung geht es oft nur um die Büroarbeitswelt. Aber wir haben ja noch Einzelhandel, Kultur, Gesundheit und Bildung und vieles mehr. Da wird bislang überhaupt nicht reflektiert, wie Corona die Arbeitswelt verändert. 

Wie sieht so eine Reflexion aus? 

Ein Beispiel: Vielleicht wird der klassische Einzelhandel mit seinen Ketten in Zukunft nicht mehr funktionieren. Große Firmen haben ja schon angekündigt, in Innenstädten das eine oder andere Geschäft zu schließen. Dafür haben die Unternehmen dann zukünftig eher kleinere Pop-up-Stores in Großstädten, wo es mehr um das Konzept und um das Erlebnis geht. Damit wären die Erwartungen an das Profil der Einzelhandelskauffrau und -mann aber ganz andere. So kann man das für verschiedene Berufsgruppen durchspielen.

Ich glaube auch, dass bei den einzelnen Menschen die Sinnsuche noch verstärkt worden ist. Also ich will, wenn schon weniger Resonanz zurück kommt, viel mehr wissen, wofür mache ich das eigentlich alles gerade? Was motiviert mich, was treibt mich an?

„Wir überlegen etwa, ob Arbeitszeiten von ’nine to five‘ bleiben. Oder können wir andere Strukturen schaffen, mit drei oder vier Stunden Fokusarbeit.“

Und wie könnten da ­Verän­derungen aussehen? 

Wir überlegen etwa, ob Arbeitszeiten von „nine to five“ bleiben. Oder können wir andere Strukturen schaffen, mit drei oder vier Stunden Fokusarbeit, und der Rest ist auch mal Wäschständer abräumen, Kinder abholen und am Nachmittag noch mal E-mails checken? Wir sollten grundlegend hinterfragen, ob dieses Muster – was ja eigentlich aus der Industrialisierung kommt – überhaupt passt für die Welt der Wissensgesellschaft, in der wir jetzt leben.

Ich glaube aber auch, dass wir prinzipiell über den Workload sprechen sollten. Das heißt, weniger zu arbeiten bei gleichem Gehalt. Gerade im Homeoffice merkt man ja: Was sind wirklich Fokus-Zeiten und was sind Dinge, die man vielleicht auch streichen könnte? Zu diskutieren wären auch neue Arbeitsmodelle. Dass man sagt, man arbeitet nur drei Tage fest und mit Präsenz, wenn Büros wieder aufmachen. Oder es gibt Büroformen, die vielleicht auch nicht geschlossen sind. Wo man Co-Working hat, Bildung, Kaffees, also mehr das Ganzheitliche findet, das so ein Raum anbieten muss.

Corona ist also eine Chance für die Zukunft …

Für viele Punkte sicher schon. Es ist wie eine Art Pause, die die Welt wahrscheinlich auch einfach brauchte, weil sie so krass beschleunigt ist. Ich denke, dass wir einen krassen Wirtschaftsrückgang erleben werden bei all den Unternehmen, denen es auch vorher schon nicht ganz so gut ging und die vielleicht die Zukunftsfähigkeit verschlafen haben. Und dass dafür der Bereich des Entrepreneurships – weit gefasst von der eigenen Gründung hin bis zur Soloselbständigkeit – massiv zunehmen wird. Da hat es aber schon in den letzten Jahren an politischen Mitteln gemangelt, das zu fördern. Hier ist die Frage, was die Politik an Instrumenten anpassen kann. 

Was brauchen Unternehmen heute, um in der Zukunft besser bestehen zu können?

Unternehmen, die nicht Nachhaltigkeit, Ganzheitlichkeit und Systemdenken in ihrem Geschäftsmodell schon vereinen, haben eigentlich keine Zukunft. Das Geschäftsmodell ist bereits die „Mission Zukunft“ – wie wir es nennen – die Botschaft nach außen hin. Wir brauchen eine enge Verknüpfung aus: „Ich agiere als jemand im Unternehmen, der Dinge schafft, produziert und vorantreibt“ und jemandem, der auch lernt und wächst. Dafür muss es viel mehr Raum und Budgets geben.

Wie stark arbeiten Unternehmen schon an diesen Themenfeldern?

Es gibt da schon einige. New Mittelstand ist eine Bewegung, die zeigt, da haben es Unternehmen schon früh erkannt. Zum Beispiel Rügenwalder Mühle, die schon jetzt mit veganen Produkten mehr Umsatz macht als mit Fleisch-Produkten. Also Unternehmen, die die große Transformation schon vorher gestartet haben, werden sich auch jetzt durchsetzen.

Welche Branche nehmen Sie als besonders innovativ wahr?

In Landwirtschaft und Anbau ist Innovation gerade ein großes Thema. Aber auch in der Immobilien- oder der Baubranche werden sich künftig Dinge ändern. Man kann nicht sagen, dass eine Branche besonders innovativ ist. Diejenigen, die jetzt nachziehen, haben vielleicht einen Vorteil, weil sie von den Fehlern der anderen lernen können. Es ist ganz wichtig, dass Unternehmen es schaffen, intern eine Art Team aufzubauen, das diese Expertise hat, das Jetzt gut kennt und Erfahrungswerte mitbringt. Das aber auch immer den Raum lässt für ein oder zwei Visionär:innen. Und das die Mitarbeitenden dazwischen als Intrapreneure versteht. Nur wenn diese drei Rollen vorhanden sind, kann eine Transformation gestaltet werden.

Hinweis: Dieses Interview erschien erstmals im femMit-Magazin Ausgabe 1/2021

Foto: Michael Setzpfandt


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