Das Taumeln des Schmetterlings

In weiten, blauen Flatterhosen steht eine ­zierliche junge Frau am Bühnenrand – noch vor den Publikumsaugen verborgen – und schaut mit dröhnendem Herzschlag zum Scheinwerferstrahl, der auf sie wartet. An ­keinem anderen Ort der Welt will sie ­lieber sein. Doch unter der Begeisterung ver­borgen liegt ein noch unsichtbarer Kokon aus ­Dunkelheit.

Text: Stefanie Söhnchen

Ihrer großen Scheu in ihrem Inneren vor den Zuschauerblicken lacht sie einmal mehr trotzig ins Gesicht. Verstecken vor sich selbst und der Welt kommt für Teresa Stößel nicht infrage. Der Sog raus auf die Bühne; die Lust auf den Strudel aus Adrenalin und Lebensfreude durchflutet jeden Winkel von ihr und lässt ihre Haut prickeln. 

Dem Teil von ihr, der eine Heidenangst vor dem da draußen hat, ist sie noch nicht begegnet. Doch das sollte sich ändern.

Teresas Weg zu ihrem Künstlerinnen-Ich begann in einem kleinen Dorf im Bergischen Land. Ihr Talent, gepaart mit dem belebenden Gefühl des Auftretens lässt sie schon zu Schulzeiten viele Wege ausprobieren, sich selbst kreativ auszudrücken. Das kommt ihr erst einmal ganz natürlich vor.

„Als Kind sind wir alle kreativ – wir tanzen, singen, malen. Aber sobald uns der gesellschaftliche Anspruch an Leistung und Schwächenoptimierung bewusst wird, legen wir all das ab, was wir ‚nicht gut können‘“, sagt Teresa. 

Tanzen und Singen behält sie für sich bei, weil sie das durchaus gut kann. Doch das Horchen auf ihre innere Welt gelingt ihr da noch nicht. Dier Teil von ihr, der vor der Performance-Leidenschaft eine Riesenpanik hat, zwingt sie unbewusst, einfach mitzumachen: Den Teil von ihr, der sich am liebsten verkriechen würde, schickt sie mit dem Schulchor vors Publikum. Die ängstliche Facette von sich, die beschützt werden will, meldet sie zum Ballettunterricht an – um danach, ohne einen einzigen Menschen zu kennen, in die faszinierende Großstadt ziehen zu können. 

Erschöpfung und Begeisterung verdecken den Blick auf Schmerz

Und so sitzt sie – mit ersten unsichtbaren Rissen im Kokon, durch die die Dunkelheit unbemerkt sickert – mit 18 zwischen anderen Erstis auf dem Boden im Tanzsaal der Stage School Hamburg vor einem riesigen Spiegel. Sie spürt pures Glück, hier sein zu dürfen.

Das Meistern der vielen angsteinflößenden Herausforderungen ist berauschend. „Ich ging plötzlich so viele Schritte, von denen ich dachte, das schaff ich nie. Und als es dann doch ging; als ich mich doch getraut habe, fühlte sich das unheimlich gut an“, erinnert sich die Künstlerin. Sie brilliert im Vortanzen, im Vorsingen und im Vorspielen an der Stage – ihr Publikum und ihre Lehrer sind zufrieden.

Doch was für sie und andere nach einem gut funktionierenden Plan aussieht, drückt immer wieder eine verletzliche Seite in ihr nieder. Sie will alles schaffen, so selbstbewusst und stark wirken wie nur möglich, will sich zeigen und gesehen werden. Und übersieht dabei weiterhin einen Teil von sich selbst, der das in dieser Form ganz schrecklich findet.

„Fühlt sich das alles für mich überhaupt stimmig an? Oder pushe ich mich irgendwo hin, wo ich nicht mehr ich sein kann und jeden Spaß verliere?“

Teresa Stößel

Doch vor lauter Adrenalin und Erschöpfung verschwimmen die Jahre an der Stage im Fast-Forward-Modus und der Gedanke flüstert nur leise hin und wieder ungehört durch ihren Kopf.

Die Seite, die dem Perfomance-Plan folgt, ist eine knallharte Anführerin und damit erfolgreich. Nach dem Abschluss spielt Teresa wichtige Rollen in Gala Dinners, singt im Kindermusical „Bibi Blocksberg“ vor tausenden jubelnden Zuschauer:innen und baut sich als Hochzeitssängerin ein Business auf.

Sie geht ihren Weg, folgt ihren Ambitionen und fasst Fuß in der Kulturszene. Das Spielen auf der Bühne gibt ihr viele Werkzeuge, durch die sie sich auch im Alltag nicht selbst begegnen muss. 

Zusätzlich probiert sie von Therapie und Coaching über Yoga und Meditation alles aus, was verspricht, die Angst wegzuregulieren. Doch sie spürt immer verzweifelter: Jeder Tag kostet mehr Energie, als sie eigentlich hat.

„Da habe ich zum ersten Mal gedacht: Fühlt sich das alles für mich überhaupt stimmig an? Oder pushe ich mich irgendwo hin, wo ich nicht mehr ich sein kann und jeden Spaß verliere?“, erzählt sie heute.

Alles klappt, bis sie zusammenklappt

Was wie ein nüchterner erster Einblick in eine seit Jahren gepeinigte innere Gefühlswelt klingt, war in Wirklichkeit existentiell. Irgendwann brach Teresa bei einem Auftrag einfach zusammen. Bis kurz zuvor hatte keine Schminke halten wollen, weil sie nicht aufhören konnte zu weinen. 

Ab dem Moment war sie nicht mehr bereit, so zu leiden. Die ängstliche Seite in ihr verschaffte sich endlich Luft und es ging nicht mehr vor oder zurück – Diagnose: Depression.

Teresa erschien das zuerst absolut abwegig: Depressiv zu sein, bedeute für sie, traurig und antriebslos im Bett zu liegen und nichts mehr zu schaffen. Sie war das Gegenteil. 

„Inzwischen ist es komisch für mich, dass eine Depression eine Krankheit ist. Ich finde es heute sehr gesund, dass sich niedergetrampelte Seiten in mir melden. Aber klar, wenn sie nicht gesehen und begleitet werden, verursacht das natürlich Leiden.“

„Ich konnte nicht mehr rennen. Ich wollte nicht mehr so mit mir umgehen und stattdessen mein künstlerisches Talent mehr in Einklang mit mir selbst bringen.“

Teresa Stößel

Die schmerzhafte Metamorphose heraus aus dem unsichtbaren Kokon, das Aufreißen der kaum wahrnehmbaren Hülle hin zu einem ganzheitlicheren Umgang mit all ihren Facetten war nun nicht mehr aufzuhalten. Das – oder zerbrechen.

 „Ich konnte nicht mehr rennen. Ich wollte nicht mehr so mit mir umgehen und stattdessen mein künstlerisches Talent mehr in Einklang mit mir selbst bringen“, erinnert sich Teresa. „Und wenn das nicht geht – einfach nie wieder auf eine Bühne.“ 

Bei ihrer Suche nach innerem Frieden stößt sie irgendwann auf ein Interview mit der Therapeutin Maria Sanchez (Sehnsucht und Hunger/ Essential Core). Sie spürt: hier ist etwas grundsätzlich anders.

Es entsteht Hoffnung, dass es vielleicht einen anderen Weg gibt als kämpfen, durchhalten und Kontrolle. Sie lässt sich auf diesen Weg ein und seitdem spürt sie, dass etwas lebensveränderndes beginnt. Ein ehrlicher Heilungsweg.

An der Seite ihres Mannes Kristof auf den Bühnen ihrer eigenen Theater entdeckt sie eine neue Art, sich selbst authentisch mit auf die Bühne zu nehmen. Die Begeisterung, die zu empfinden immer ihre größte Freude am Beruf war, ist nun manchmal gepaart mit einer neuen Freiheit.

Das spürt auch das Publikum, das ihr in „Stößels Komödie“ in Wuppertal oder auf der Kleinkunstbühne „KaBARett FLiN“ in Düsseldorf in ihrem Künsterinnenleben begegnet. 

Aber vor allem sie selbst.

Ihr Partner ist bei den Schritten hin zur Entfaltung eine große Stütze: Kristof, der lokal gut bekannt ist als sein weibliches Alter Ego „Fabienne van Straten“ (eine fröhliche, laute, weltoffene Holländerin), ist selbst seit vielen Jahren auf und hinter Bühnen unterwegs und versteht Teresas Künstlerseele daher sehr gut. 

Die Nähe zu seinem entspannten und gleichzeitig entschlossenen Umgang mit Kultur und Kreativität sowie das durch ihn verkörperte Versprechen, nie ohne Theater sein zu müssen, geben Teresa Halt.

Die Schlüsselerkenntnis, dass all ihre Seiten ein Recht auf Raum in ihrem Leben und auf ihrer Bühne haben, liegt noch nicht lange zurück. Die neue Freiheit in ihr entfaltet sich auch in dem Wunsch zu mehr zwischenmenschlicher Nähe in ihrem künstlerischen Schaffen.

„Inzwischen ist mir eigentlich egal, wie ich mich künstlerisch ausdrücke und was ich konkret da mache. Hauptsache ist, dass es für mehr Miteinander und Mitgefühl zwischen den Menschen sorgt“, fasst Teresa zusammen. Das legt sie in ihren Gesang genauso wie in ihre Schauspielerei.

Während des Lockdowns hat sie viel Zeit, die weggedrückten Seiten liebevoller zu betrachten, und ihr wird klar: Die Bühne war nie das Problem. Die große Liebe zum Rampenlicht war real. Es sind die blinden Flecken der in Schach gehaltenen Gefühle, die ihr die Lebensenergie kosten. 

Doch die lernt sie jetzt immer besser kennen und gewinnt die positive Beziehung zur Bühne zurück: Mit dem Kauf des KaBARett FLiN ist hier ein großer Schritt getan: „Es ist ein Traum, ein solches Haus zu führen. Ich spüre, hier hängt mein Herz drin“, sagt Teresa im Hinausgehen und macht das Licht aus. Noch gibt es Hoffnung, dass beide Theater überleben.

„Tschüss, bis morgen“, sagt sie leise in die Dunkelheit des verwaisten Theaters und schließt lächelnd hinter sich die Tür in dem Wissen, dass ihre Reise zu sich selbst jeden Tag neu beginnt. —

Teresa Stößel (32) ist Schauspielerin und Sängerin. Sie lebt mit ihrem Mann Kristof und ihrem Hund Muffin im Bergischen Land in Wuppertal. Dort betreiben sie gemeinsam das Theater „Komödie“. Auch das KaBARett FLiN in Düsseldorf steht unter ihrer Leitung. Teresa steht bei Hochzeiten und anderen Anlässen sowie bei eigenen Theaterproduktionen regelmäßig auf und hinter der Bühne.

Hinweis: Dieser Text erschien erstmals im femMit-Magazin 1/2021

Foto: Sina Frantzen

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