Die Unermüdliche

Elif Cindik-Herbrüggen setzt sich als Psychiaterin in München für ein besseres und gerechteres Gesundheitssystem ein. Die Chefärztin und Gründerin des Neuro-Psychiatrischen Zentrums Riem will mehr Menschen für eine Laufbahn als Chefin begeistern. 

von Simone Fasse

Der Tag war lang. In Zeiten von Corona scheint die Arbeit von Chefärztin Dr. Elif Cindik kein Ende zu nehmen. Während des abendlichen Interviews erkundigt sich ein besorgtes Team-Mitglied, wie lange die Fachärztin für Psychotherapie und Psychiatrie denn noch arbeite – es sei doch mal Zeit für den Feierabend. Dabei gab es für sie heute sogar ein kleines Mittagessen – auf die Hand, auf die Schnelle, wie so oft. Weil sie tatsächlich konsequent Nein gesagt hat und einer potenziellen Patientin mit einem dringenden Problem, die ohne Terminabsprache mehr als 50 km gefahren ist, nicht angenommen hat. 

„Ich habe wirklich ein Helfersyndrom, habe mich jahrelang auffressen lassen von meinem Job. Heute gönne ich mir den Luxus, auch Nein zu sagen“, sagt Cindik. Ihr Antrieb ist stark, denn sie möchte am meisten denen helfen, die es im deutschen Gesundheitssystem besonders schwer haben – Migrantinnen und Migranten ohne gute Sprachkenntnisse. Denn aus Erfahrungen in der eigenen Familie weiß sie: Ohne Sprache funktioniert keine Therapie. Das hat sie geprägt. Sie, Kind der ersten Einwanderergeneration aus der Türkei, wuchs nach ihrer Geburt ab 1971 in Neu-Isenburg auf. 60 Jahre Anwerbeabkommen in diesem Jahr, das hat für Elif Cindik eine ganz besondere Bedeutung. Sie entwickelt viel Energie, um ihr eigenes Leben erfolgreich voran zu bringen. So richtig kommt sie dabei bis heute nicht zur Ruhe. „Dabei bin ich eigentlich ein Mensch, der sich treiben lässt“, verrät die Ärztin mit dem besonderen Lebenslauf. 

Die Chirurgie habe sie emotional nicht durchgehalten, nicht wegen der Tätigkeit, sondern wegen der herrschenden Machtstrukturen in vielen Kliniken.

Nach Abschluss eines Medizinstudiums in Frankfurt am Main und New York führten sie ihre Promotionsarbeit und der Studiengang Master of Public Health an die Universität Harvard in Boston. Eine herausfordernde und gleichzeitig faszinierende Zeit für die ambitionierte junge Frau. Fast wäre sie Chirurgin geworden, das sei ihrem heutigen Beruf gar nicht so unähnlich. „Chirurgen und Psychiater können einschneidende und fundamentale Änderungen bei Menschen erzeugen.“ Doch die Chirurgie habe sie emotional nicht durchgehalten, sagt Cindik im Rückblick – nicht wegen der Tätigkeit, sondern wegen der herrschenden Machtstrukturen in vielen Kliniken. 

Nach einem Abstecher in die Welt der Unternehmensberatungen ging es doch zurück in die Medizin. „Ich bin ökonomisch gut“, sagt die Gründerin des 30-köpfigen Zentrums heute. Die Urkunden auf dem langen Praxis-Flur erzählen von ihrer wahren Mission, verschiedene Auszeichnungen verdeutlichen ihre Ambition als Führungskraft. 

Der Nachwuchs bei Fachärzt:innen in der Psychiatrie fehlt

„Interkulturelles hat mich schon immer angezogen“, berichtet Cindik.  „Wir wollen möglichst vielen Migranten helfen – denn für sie gibt es immer noch viele Zugangsbarrieren zur medizinischen Versorgung.“ Beispielsweise werden für eine Psychotherapie keine Übersetzer von der Krankenkasse bezahlt. Jeder Fall bringt hier eine Menge Papierkram mit sich, vor allem aber sind Geduld und Empathie gefragt. Cindik weiß, wie sie mit ihren Patient:innen sprechen muss, und was sie brauchen. Im Rahmen des Nationalen Integrationsplanes der Bundesregierung hat sie deshalb an der Entwicklung von Indikatoren und Maßnahmen zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung von Migranten mitgearbeitet. Sie hat die Weiterbildung zum Thema Migration, Gesundheit und interkulturelle Behandlungskompetenz an der Ärztekammer Bayern eingeführt und setzt sich mit der Ausbildung von Entscheidungsträgern für die interkulturelle Öffnung und die Verbesserung der Versorgungsqualität des Gesundheitswesens ein. Sie engagierte sich in Organisationen wie der Türkischen Gemeinde oder dem Harvard Club of Munich. Für ihren Einsatz als erfolgreiche Unternehmerin mit gesellschaftlichem Engagement hat sie etwa den Phoenix Preis der Stadt München erhalten, dazu war sie nominiert als sozial aktives Unternehmen mit Vorbildfunktion. 

 „Hier geht es nicht um mich, sondern wir brauchen dringend mehr Vorbilder und mehr Nachwuchs – es gibt zu wenig Psychiater:innen und zu wenig Chefärztinnen.“

Elif Cindik-Herbrüggen

Doch die täglichen Herausforderungen bleiben. Der Bedarf an Leistungen der Psychotherapie und Psychiatrie wächst stetig – jeder, der ein akutes Problem hat, kennt die langen Wartezeiten in der Stadt und auf dem Land. Doch der Nachwuchs fehlt, weiß Elif Cindik. Immer weniger junge Leute seien bereit, ihren Facharzt in diesem Bereich zu machen. Deshalb behandelt sie ihre Mitarbeiter:innen besonders sorgsam, möchte ihnen die Chance geben, sich zu entwickeln. Sie referiert an der Uni, gibt Coachings und auch auf Instagram und YouTube verbreitet sie ihre Message, hier vor allem in türkischer Sprache. Elif Cindik ist es wichtig, ein Vorbild zu sein. „Ich möchte erreichen, dass viele Menschen sehen, was ich hier mit meinem Team aufgebaut habe. Hier geht es nicht um mich, sondern wir brauchen dringend mehr Vorbilder und mehr Nachwuchs – es gibt zu wenig Psychiater:innen und zu wenig Chefärztinnen.“ It always seems impossible until it´s done – das Zitat von Nelson Mandela steht im Header-Bild ihres Profils auf der Netzwerk-Plattform LinkedIn und scheint das Mantra der Münchner Unternehmerin zu sein. Das gilt auch für eine ihrer größten Aufgaben, gut auf sich zu achten. Damit sie ihre Mission noch lange weiterverfolgen kann. –

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