Wie klingt die Bratpfanne?

Lisanne Müller ist seit ihrer Geburt hörgeschädigt. Schon in ihrer Kindheit entschied sie sich dafür, ein Cochlea-Implantat einsetzen zu lassen. Von da an lernte sie das Hören neu. 

Text: Lisa Gerth und Romina Stawowy

Lisanne Müller ist eine von fünf Millionen Deutschen, die nicht richtig hören können. Sie teilt ihr Schicksal mit ihrer Schwester. Beide kamen mit einer Hörschädigung auf die Welt. Die Ursache ist wahrscheinlich ein Gendefekt in ihrer Familie, den ihre Eltern weitergegeben haben, ohne selbst davon betroffen zu sein. Als Krankheit schätzt die 27-jährige Lisanne ihr Handicap aber nicht ein. „Es ist eine Behinderung, die einfach zu meinem Leben dazugehört.“ 

Als Kind trug Lisanne ein Hörgerät und konnte so sprechen lernen. Doch wurden ihre Ohren weiter geschädigt. „Durch das Hörgerät waren die Reize, die in mein Ohr kamen, sehr laut. Also gingen die Haarsinneszellen immer weiter kaputt.“ Um nicht irgendwann taub zu sein, entschied sich Lisanne mit elf Jahren für ein Cochlea-Implantat am rechten Ohr.

Kleines Hilfsmittel – große Wirkung

„Das war damals schon eine schwierige Entscheidung“, sagt sie. Das Cochlea-Implantat ist eine Hörprothese, die unter der Haut eingesetzt wird. Der Prozessor, der hinter dem Ohr sitzt, nimmt Klänge aus der Umgebung auf, wandelt sie in elektrische Signale um und sendet sie an das Implantat. Dieses schickt die elektrischen Signale in die Hörschnecke, wo sie die Stellen stimulieren, die für die jeweilige Tonhöhe zuständig sind. „Ohne die Operation hätte ich riskiert, taub zu sein. Trotzdem ist so ein Eingriff natürlich immer mit Nebenwirkungen verbunden“, erzählt Lisanne. Das größte Risiko der OP bestand darin, dass dabei der Gesichtsnerv geschädigt wird und eine Gesichtshälfte gelähmt ist.

Zitat Dr. Veronika Wolter: "Sie können nur das sprechen, was sie auch hören."

Sprechen folgt auf Hören

Eine, die genau weiß, wie es für Lisanne Müller ist, ist die weltweit erste gehörlose Chefärztin Dr. Veronika Wolter von der Helios Hörklinik Oberbayern. Sie trägt, genauso wie Lisanne, zwei Cochlea-Implantate (CI). Wolter erkrankte als Kind an einer Hirnhautentzündung, die zunächst zu einer mittelgradigen, später zu einer schweren, fast vollständigen Schwerhörigkeit führte. Mit Mitte zwanzig wurde sie mit Cochlea-Implantaten versorgt. Heute verhilft sie Patientinnen und Patienten mit CI zu besserem Hören. „Von normal hörend bis zur Taubheit – ich habe alles selbst erlebt“, sagt die geborene Marburgerin. „Mein Anspruch ist es, Patientinnen und Patienten mit Hörproblemen zu unterstützen und die individuell richtige Therapie für ihre aktuelle Lebenssituation zu finden.“

Dr. Veronika Wolter ist weltweit die erste gehörlose Chefärztin. Sie leitet die HNO und Hörklinik Oberbayern am Helios Klinikum München West und unterstützt Patientinnen und Patienten mit Hörproblemen, die individuell richtige Therapie zu finden.

Wie eng Hören und Sprechen zusammenhängen, erklärt Veronika Wolter mit einem Satz: „Sie können nur das sprechen, was sie auch hören.“ Die Expertin weiter: „Dies erklärt, warum Menschen, die an Taubheit grenzend schwerhörig sind, und auch in der Kindheit schon betroffen waren, für uns verändert oder verfremdet sprechen.“ Die häufigste Störung sei das Lispeln – also die falsche Aussprache hoher Frequenzen. Die entsteht, wenn die Betroffenen die hohen Töne nicht hören können. „Sie hören das s, sch und tz nicht richtig und da rutscht sozusagen die Zunge nach vorn“, sagt Veronika Wolter.

Voraussetzung für das Sprechenlernen mit einem CI ist, dass die betroffene Person bereits in den ersten acht Lebensjahren Höreindrücke sammeln konnte. Aber auch Menschen, die von Geburt an hörgeschädigt sind und deren Innenohr im Mutterleib intakt angelegt wurde, haben die Möglichkeit, eine auditive Wahrnehmung zu erreichen. „Wir möchten niemanden von der Versorgung ausschließen. Mit den Implantaten haben wir auch schon kleine Wunder erlebt. Wir dürfen die Lernfähigkeit des Gehirns an dieser Stelle nicht unterschätzen“, ermutigt Veronika Wolter.

So klingt die Bratpfanne

„Die ersten Eindrücke mit dem Implantat waren prägend. Aber ich brauchte auch viel Geduld“, erklärt Lisanne. Solange die Wunde verheilt, hört man nichts auf dem Ohr. Erst nach ungefähr einem Monat geht es zur Erstanpassung. „Jeder der sich für diesen Schritt entscheidet, sollte sich bewusst sein, dass das erst mal bedeutet, komplett aus seinem Alltag raus zu sein.“ Lisanne hat mit den Therapeutinnen und Therapeuten aus dem Sächsischen Cochlear Implant Centrum (SCIC) des Dresdner Uniklinikums, wo sie sich das Implantat hat einsetzen lassen, das Hören und Sprechen ganz neu gelernt. „Ich habe erst gelernt, nur Silben zu erkennen. Daraus wurden dann langsam einzelne Wörter und dann irgendwann Sätze.“ 

Jedes Geräusch, das sie hören konnte, musste sie neu zuordnen. „Ich kann mich gut an eine Situation mit meiner Mutter in der Küche erinnern. Ich hörte ein Zischen, wusste aber nicht, was es war. Erst nach einer Weile haben wir herausgefunden, dass ich das Brutzeln in der Bratpfanne gehört habe. Das war ein Geräusch, das ich vorher nicht kannte.“  Rund elf Jahre hat es gedauert, bis sie das Hören wieder gelernt hat. Vor vier Jahren hat sie sich dazu entschieden, das CI auch am linken Ohr einsetzen zu lassen. 

Zitat Lisanne Müller: "Ich habe schnell gemerkt, dass meine Hörschädigung akzeptiert wird, wenn ich offen damit umgehe."

Ironie? Was ist das?

Auch wenn Lisanne durch ihre Implantate hören kann, braucht sie im Alltag mehr als nur Klänge, um alles verstehen zu können. „Ich lese auch sehr viel von den Lippen der Menschen ab oder achte auf die Körpersprache.“ Gebärdensprache hat sie jedoch nie richtig genutzt. Schwierigkeiten bereitet es ihr, wenn viele Menschen durcheinander sprechen und sie nicht zuordnen kann, wer was gesagt hat. In Bars zu gehen, ist für sie immer anstrengend und auch Telefonieren fällt ihr schwer. „Mit meinem Handy habe ich eine direkte Übertragung auf das Implantat, da ist es kein Problem.“ Der technische Fortschritt macht die Implantate dabei immer spannender. Denn Anrufe über das Handy nimmt Lisanne direkt an – ohne dass die Umwelt die Klingeltöne hört. Auch Ansagen von Apps, etwa eines Routenplaners, kommen bei ihr direkt über das Implantat ins Ohr. 

„Auf meiner Arbeit muss ich erst noch lernen, mit dem Telefon umzugehen. Da kommt es auch immer auf den Sprecher an, wie klar er spricht.“ In ihrer beruflichen Laufbahn war ihre Behinderung jedoch nie ein Problem. „Ich habe schnell gemerkt, dass meine Hörschädigung akzeptiert wird, wenn ich offen damit umgehe.“

Offenheit wünscht sie sich auch von der Gesellschaft. Wenn sie jemanden fragt, ob er den Satz noch einmal wiederholen kann, sollte das nicht als nervig eingeschätzt werden, sondern als kleine Hilfe. „Mit einem ‚Ach ist nicht so wichtig‘ als Antwort kann ich eben nicht viel anfangen. Ich wünsche mir, dass die Leute da einfach geduldiger werden.“ Ein großer Anker sind ihre Familie und ihre Freunde, die Gesagtes einfach wiederholen, falls sie etwas nicht verstanden hat. Das hilft ihr besonders bei Dialekten oder Floskeln. 

Ärztin Veronika Wolter erklärt, dass Ironie oder Witz von der Lebendigkeit und Dynamik in einer Gruppe lebt. Beides könne nicht wiederholt werden. Weitere Geräusche und unterschiedliche Lautstärken erschweren das Verstehen. „Dadurch entsteht dann oft der Eindruck, dass, wenn eine schwerhörige Person nicht entsprechend reagiert, sie den Witz einfach nicht verstanden hat“, beschreibt die Expertin die Schwierigkeiten. Manche hörgeschädigte Menschen isolieren sich aufgrund ihrer Einschränkung und haben dadurch nicht die Möglichkeit, diese Feinheiten der Sprache und Kommunikation zu lernen und wahrzunehmen. Sie selbst habe solche Erfahrungen auch gemacht und berichtet: „Ich trage meine Implantate nun 15 Jahre und habe immer noch Erlebnisse, bei denen ich denke, das hast du früher einfach nicht gehört. Also bestimmte Tiergeräusche, Enten oder Vögel, die in meiner Kindheit im Heimatort gelebt haben müssen. Das sind Töne und Geräusche, die man später erst erklärt bekommen muss, weil man es einfach nicht kennt. Und wenn man es nicht lernt, kann man es nicht richtig verarbeiten.“ Das Gleiche gilt für Ironie, spontane Witze sowie Fremdsprachen.

Wenn das Lieblingslied plötzlich scheiße klingt …

Da sich Hörgeschädigte in einem Gespräch auf die wichtigsten Infos konzentrieren müssen, gehen schnell gesagte Phrasen oft unter, erzählt Lisanne. „Ich wusste bis zu meinem 25. Lebensjahr nicht, was der Ausspruch ‚08/15‘ bedeutet. Ist das nicht verrückt? Ich kann einfach die Sprachmelodie bei solchen Floskeln nicht erkennen.“

Lisanne liebt Jazz und Swing, doch ihre Lieblingslieder haben ihr nach der Operation nicht mehr gefallen, da sie plötzlich ganz anders klangen. Das Musikgehör musste sich erst entwickeln. „Ich habe mir dann vorgestellt, wie ich die Lieder in Erinnerung hatte und habe versucht, das dann zu übertragen. Aber ich musste die Lieder oft anhören, bis sie mir wieder gefallen haben.“ 

Lisanne fühlt sich heute in ihrem Alltag nicht eingeschränkt. „Mir ist es wichtig, dass Hörgeschädigte ganz selbstverständlich an der Gesellschaft teilhaben können. Dazu ist es wichtig, mitreden zu können und dazu muss man eben alles verstehen.“ Deswegen ist Sprache für Lisanne Müller auch so wichtig für unsere Gesellschaft, da sie aus ihrer Sicht Austausch und Teilhabe schafft. —

Foto: Carina Sonntag / CARISO

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