Ist Umdenken Frauensache?

Ob Luisa Neubauer in Deutschland, Adenike Titilope Oladosu in Nigeria oder natürlich Greta Thunberg – die großen Gesichter der Klimabewegung sind weiblich. Das ist aber nicht uneingeschränkt gut.

von Annika Säuberlich

Frauen und Mädchen sind besonders vom Klimawandel und seinen Folgen betroffen. Aber: „Frauen sind nicht nur Opfer, sondern auch Akteurinnen“, sagt Bettina Jahn von UN Women Deutschland. Schließlich sind sie die treibenden Kräfte der Klimabewegung.

Nach einer Studie des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung (ipb) aus dem Jahr 2019 waren rund 60 Prozent der Teilnehmenden bei Demonstrationen von Fridays for Future in Deutschland weiblich. In Polen und den Niederlanden lagen die Frauenanteile unter den Demonstrierenden sogar bei über 70 Prozent (Quelle).


Woran liegt das?

„Frauen glauben mit höherer Wahrscheinlichkeit an den menschengemachten Klimawandel und seine wissenschaftlichen Grundlagen“, sagt Jahn. Auch würden sie eher als Männer dazu neigen, sich Sorgen über das Klima zu machen. Frauen seien schon im Kleinen mehr als Männer dazu bereit, ihr Verhalten zur Eindämmung des Klimawandels zu ändern. So würden sie häufiger recyceln, nachhaltiger einkaufen oder auf energieeffiziente Verkehrsmittel Wert legen.

Dabei spielen auch toxische Männlichkeitsvorstellungen eine Rolle: „Männer verwenden womöglich deshalb lieber keine wiederverwendbaren Taschen oder ernähren sich seltener vegan, weil sie Angst haben, dadurch als weniger männlich wahrgenommen zu werden“, sagt Jahn.

Aber es geht nicht nur um individuelles Nachhaltigkeitsverhalten. Weltweit findet eine enorme politische Mobilisierung von Frauen und Mädchen im Kampf gegen den Klimawandel statt. „Gerade die radikaleren Klimabewegungen stellen das gesamte System infrage, von dem derzeit immer noch vor allem Männer profitieren“, sagt Jahn. „Da ist es kein Wunder, dass gerade Frauen für einen radikalen Systemwechsel kämpfen.“

Den Aufstieg von Frauen und Mädchen erleichtert dabei die dezentrale und basisdemokratische Organisationsform der Klimabewegungen. Greta Thunberg und Luisa Neubauer hätten zudem für viele junge Frauen eine wichtige Vorbildfunktion bei ihrem Engagement gehabt. Dass medial in erster Linie junge, normschöne und Weiße Frauen als Heldinnen abgebildet werden, sieht Jahn jedoch kritisch.

Und: „Die Erzählung von den umweltfreundlichen, sich kümmernden, in Anführungszeichen starken Frauen ist auch gefährlich“, sagt Jahn. „Schon wieder wird dadurch die Verantwortung auf Frauen übertragen, während das kapitalistische, patriarchale System bestehen bleibt und Männer weitermachen wie bisher.“ —

Foto: IMAGO / Sven Simon

Adenike Titilope Oladosu ist nigerianische Klimaaktivistin, Ökofeministin, Mitbegründerin von Fridays for Future in Nigeria und Gründerin der „I Lead Climate Action Initiative. Diese Bewegung setzt sich unter anderem dafür ein, den Tschadsee zu retten. Ursprünglich war der See einmal Afrikas größter See und damit Lebens- und Wasserquelle für viele Millionen Menschen in Nigeria, Niger, Tschad und Kamerun. Durch Klimaerwärmung und einen erhöhten Wasserverbrauch durch die Landwirtschaft hat er bereits über 90 Prozent seiner Fläche verloren. Amnesty Nigeria zeichnete Adenike Titilope Oladosu mit dem Menschenrechtspreis aus. 

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