Sharing Economy statt Ownership

Denn Essen geht uns alle an

Car-Sharing, Apartment-Sharing, Food-Sharing oder das Prinzip der klassischen Bibliotheksnutzung. ­Genau das steckt auch hinter dem jungen Kölner Start-up Vytal, das seit drei Jahren ein pfandfreies Mehrwegsystem für Verpackungen hip macht. 

von Sümeyye Algan

Zu dessen Gründung führten ein paar Umwege: Vorher hatte Dr. Tim Breker ein gemeinnütziges Unternehmen gegründet und dabei festgestellt, wie schwer es ist, etwas zu bewirken, wenn man sich über Spenden finanzieren muss. Später, dann als Unternehmensberater, griff er immer mehr auf Kantinenessen und den Lieferservice zurück. „Als sich irgendwann die Einwegverpackungen in der Büroküche stapelten, wurde mir zum ersten Mal bewusst, was für eine Ressourcenverschwendung wir da eigentlich unterstützten“, erzählt Breker. Mit seinem Partner Dr. Fabian Barthel gründete er schließlich Vytal.

„In Deutschland haben wir nicht das Problem, dass es zu wenig Tupperdosen gibt, sondern dass sie eben nicht da sind, wo man sie braucht.“

Der Start gelang relativ problemlos: „Natürlich mussten wir Sponsoren finden und die ersten Gastronomen überzeugen, aber in Deutschland kennen die Menschen durch das Mehrwegsystem das Prinzip, deshalb mussten wir nicht komplett bei null anfangen.“

Das Prinzip geht auf: „99 Prozent aller Schalen, die im Umlauf sind, werden im Schnitt in weniger als 5 Tagen zurückgebracht.“ Zum Vergleich: Die Rücklaufquote gängiger Pfandsysteme liegt bei 70 Prozent. 

Seinen Umsatz erzielt das Unternehmen in erster Linie durch die Gastronomie: „Hier zahlen die Gastronomen erst mal eine einmalige Anmeldegebühr und dann wird pro Befüllung abgerechnet. Wir verdienen also Geld, wenn wir eine Einwegverpackung ersetzen und so eine Verpackung aus dem Ökosystem nehmen.“ Benefit für die Endkund:innen sei neben dem ökologischen Beitrag vor allem die Nutzung eines auslaufsicheren und mikrowellenfesten Behältnisses. „Mit unseren Schalen wird das Essen auch über einen längeren Zeitraum warmgehalten. Und bei Rückgabe innerhalb der 14 Tage ist es eben auch komplett kostenlos. Konsumentenverhalten verändern ist hier das Stichwort.“

„Wenn man Menschen etwas anbietet, was sie kostenlos nutzen können, sind sie sehr motiviert, Zahlungen zu vermeiden. Genau an dieser Stelle unterscheidet sich Vytal vom normalen Pfandsystem, denn das System ist primär erst mal kostenlos, wenn man die Schalen innerhalb von 14 Tagen wieder zurückgibt. Erst danach fallen Kosten an.“

Man müsse sich als Gesellschaft gemeinsam auf die Reise machen, nachhaltiger zu leben und viel mehr bereit dafür sein, ein stückweit auf den eigenen Komfort zu verzichten, so Tim Breker. „Nur so könnten wir es schaffen, unsere Umwelt zu entlasten. Dabei geht es nicht darum, den Moralapostel zu spielen, sondern vielmehr darum, bewusster zu leben.“ Von der jüngeren Generation hat er eine hoffnungsvolle Meinung:

„Man kann der jüngeren Generation einiges nachsagen, aber was ich beobachtet habe, ist, dass die Bereitschaft unter ihnen auf den eigenen Komfort zu verzichten, viel mehr verbreitet ist.“

Das Material der Behälter ist je nach Modell unterschiedlich. „Die meisten unserer Boxen bestehen aus Polypropylen und werden größtenteils von der Odenwälder Firma Koziol hergestellt.“ Mittlerweile stellt das Unternehmen auch selbst her. Breker ist der Meinung, dass Deutschland im Bereich Nachhaltigkeit zwar schon viel mache, aber in der Summe sei das alles noch viel zu wenig. Langfristig hofft Breker, dass die Vytal-Schalen zum Statussymbol werden: „Damit zeigst du, dass du dir Gedanken machst und dir Nachhaltigkeit wichtig ist.“ 

Mittlerweile hat Vytal Tochtergesellschaften in Österreich, Frankreich und Großbritannien und Franchise-Partner in Schweden, Irland, Norwegen und Mexiko, die ihre Technologie und Marke nutzen können, doch das Hauptgeschäft sei in Deutschland. Laut eigenen Angaben hätte das Unternehmen im letzten Jahr 2,6 Millionen Einwegverpackungen vermeiden können, was angesichts der Tatsache, dass allein in Deutschland jährlich 10 Milliarden Einwegverpackungen produziert werden, ein Tropfen auf dem heißen Stein sei. Aktuell sind knapp eine halbe Millionen Nutzer:innen auf der App registriert. Durch die Einführung der Mehrwegpflicht könnten die Zahlen bald noch schneller steigen. —

Foto: Vytal

Kommentieren...

Deine Email Adresse wird nicht angezeigt..

Ich drück die Daumen, dass du findest, wonach du suchst.